Apr 212012
 

Ich hasse den Moment immer wieder, aber ab und an passiert es doch.

Jemand fragt nach… “Ein authentisches Mittelalterkleid bitte!”

Meine übliche Reaktion auf diese – für nicht-historisch-bewandte Leute vielleicht einfache Fragestellung – ist, tief durchzuatmen, mich zurückzulehnen und erstmal zu fragen:

“Was für ein authentisches Mittelalterkleid?”

Die übliche Antwort darauf, manchmal leicht abgewandelt, ist…

“Ein rotes. Mit goldenen Borten!”
(Farben sind dabei austauschbar)

Das ist dann der Punkt, wo ich wieder ausatme, nochmal tief durchatme, und nach der genauen Zeit und Ort dessen frage, was die Person mit diesem ‘Mittelalterkleid’ darstellen möchte und was sie – ihrer Meinung nach, aber nicht meiner! – doch so detailliert beschrieben hat.

Und ab da gehen die Antworten dann auseinander. Die gehen von…

“Das musst DU doch wissen, Du bist der Experte! Ich möchte nur ein schönes rotes Mittelalterkleid mit goldenen Borten; Du weißt schon, was ich meine!”

zu…

“Naja, Du weißt schon, so’n typisches Mittelalterkleid halt. Wie Arwen oder Eowyn in ‘Herr der Ringe’!”

über…

“Keine Ahnung, vielleicht 1650, Köln?”

 

Und keiner dieser Leute versteht normalerweise meine dann folgende Reaktion, die etwa so aussieht (in der Reihenfolge, wie vorher die Anforderungen gestellt wurden), von:

“Öh, ja, ich bin der Experte; aber meine Kristallkugel ist grade kaputt. “Mittelalter” bezeichnet eine Zeitspanne von etwa 1000 Jahren; von 400-1450AD. Im Laufe dieser Zeit hat sich die Kleidung nicht nur über die Jahre, sondern auch von Ort zu Ort verändert. Es ist mir nicht möglich, zu wissen, was *Du* Dir vorstellst, wenn Du an ein mittelalterliches Kleid denkst, und ob es dasselbe ist, was *ich* mir darunter vorstelle; weil wir beide möglicherweise an ganz unterschiedliche Orte und Jahre denken. Bitte zeige mir ein Bild eines Portraits / Zeichnung / Gravierung / Statue / Reliefs, die den Stil des Kleides darstellt, was Du Dir vorstellst.”

zu…

“‘Herr der Ringe’ ist nicht ‘Mittelalter’, sondern Fantasy. Keines der Kleidungsstücke, was in den Filmen getragen wurde, ist historisch korrekt, und zwar für keinerlei Zeit oder Ort. Wenn Du also nach einem authentischen Mittelalterkleid suchst, dann zeige mir bitte ein Bild eines Portraits / Zeichnung / Gravierung / Statue / Reliefs, die den Stil des Kleides darstellt, was Du Dir vorstellst.”

über…

“1650 ist Barock, nicht Mittelalter (und zwar bei weitem nicht!). Bitte zeige mir ein Bild eines Portraits / Zeichnung / Gravierung / Statue / Reliefs, die den Stil des Kleides darstellt, was Du Dir vorstellst.”

Das ist dann üblicherweise der Punkt, wo die Konversation auf der anderen Seite abbricht. Oder aber die Person kommt mit etwas, das *mich* dazu bringt, die Kommunikation abzubrechen; also sowas wie nach einem “wirklich billigen” roten Pannesamtkleid mit goldenen Lamettaborten zu fragen; wobei letztere am Besten noch irgendein lächerliches keltisches Motiv haben sollen. Das, so meint die Person dann, wäre “authentisch mittelalterlich”; schließlich hätte sie eine Freundin, die “ganz genau weiß, wovon sie spricht”, die auch so ein Kleid hat und meint, das WÄRE authentisch.

Also… mein Punkt ist… bittebitte…

Wenn ihr plant, eine(n) Kostümmacher(in) nach einem authentischen, historischen Kleid zu fragen (egal, aus welcher Epoche), dann fügt der Anfrage Links zu Bildern von Portraits / Zeichnungen / Gravierungen / Statuen / Reliefs bei, die den Stil des Kleides darstellen, was Ihr Euch vorstellt. Wenn ihr das Kleid zu einem bestimmten Termin braucht, erwähnt auch das. Außerdem, falls ihr ein Budget (also einen bestimmten Betrag, über den ihr nicht hinausgehen wollt bei der Anschaffung) habt, solltet ihr auch das erwähnen.

Das hilft Euch, als Kunden; und auch dem / der Kostümmacher(in) dabei, sich genau vorstellen zu können, was ihr eigentlich wollt.
Der / die Kostümmacher(in) ist der / die Expert(in), ja; aber er / sie und ihr könnt an ganz verschiedene Sachen denken, wenn ihr über etwas redet, ohne vorher Bilder getauscht zu haben. Ihr verschwendet ansonsten BEIDE viel Zeit, bis ihr wißt, worüber der / die jeweils andere spricht und ob ihr auf einen Nenner kommt.

Vielen Dank 🙂

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